5. Juni 1923

Quelle: Stadtarchiv Solingen, Solinger Tageblatt 5. Juni 1923

Das Scheitern einer wirksameren Markstabilisierung wird unter anderem auf fehlerhafte bzw. inkonsequente Anwendung wirtschaftspolitischer Maßnahmen durch die Reichsregierung zurückgeführt.

                                    Wirtschaftlicher Teil.
                                                        –
                               Kann die Mark künstlich gestützt
                                                  werden?
                      Die Nachricht von der Absicht einer neuen Mark-
                   stützungsaktion macht die folgenden Ausführungen
                   besonders beachtenswert.
                            Die Schriftleitung des „Solinger Tageblattes“.
       Die Untersuchungen des Reichstagsausschusses über die Schuld
an dem Marksturz der letzten Wochen haben wohl einige äußere
Erscheinungen aufgedeckt, die eigentlichen Ursachen für den Mark-
verfall jedoch nicht in der erforderlichen Klarheit hervorgehoben.
Da diese für die Beurteilung der künftigen Aussichten der Mark
wesentlich sind, sei auf sie im folgenden hingewiesen, wobei jedoch
außen- und innenpolitische Erwägungen wegen der Unsicherheit
ihrer Beurteilung ausgeschlossen bleiben sollen.
       Wesentlich ist zunächst, daß die Nachfrage nach Devisen solange
stärker sein muß als das Angebot, wie die Einfuhr die Ausfuhr
übersteigt. Der Markkurs kann nicht gehalten werden, wenn die
Einfuhr mehr Devisen verzehrt, als die Ausfuhr hereinbringt,
zumal nicht in den Zeiten wie den jetzigen, in denen die fran-
zösische Ruhraktion besonders starken Bedarf an Kohlen, Eisen,
Getreide usw. notwendig macht. Der daraus sich ergebende De-
visenbedarf läßt sich wohl für einige Zeit künstlich zurückdämmen,
ein Vorgang, aus dem der Eindruck seiner Markstabilisierung ent-
steht; die Nachfrage muß jedoch dann stärker als je in Erscheinung
treten, wenn sich herausstellt, daß die Einfuhrgüter bezahlt werden
müssen mit dauernder Uebertragung von deutschen Sachwerten
an das Ausland, ein Prozeß, der eine innere Markentwertung
erzeugt und damit die Vorbedingung für ein fortschreiten der
äußeren Entwertung schafft. Mit diesem Grund für das Mißlin-
gen der Markstützungsaktion ist verbunden ein anderer, nämlich
der, daß die Bestrebungen der Markstabilisierung sich nicht grün-
deten auf eine innere Stärkung der Mark, die z. B. in gesteiger-
ter Produktion sich dargestellt hätte. Anstatt ein großzügiges
Produktionsprogramm in Angriff zu nehmen, führte man einen
Notendruck größten Umfanges durch, ohne zum Ausgleich Mehr-
werte zu erzeugen. Daraus entstand dieselbe Verbrauchswirtschaft
wie in der Kriegszeit, die genau wie damals zu einer fortschrei-
tenden Verarmung und Kapitalnot und damit auch zur Mark-
entwertung führen mußte. Währungsstabilisierungen können sich
nur durchsetzen, wenn sie der Wiederschein einer gesteigerten wirt-
schaftlichen Kraft eines Landes sind; künstliche Kursbefestigungen
können nur von vorübergehender Dauer sein; sie sind nichts an-
deres als Verschiebungen im inländischen Devisenbesitz, schaffen
aber niemals den allein ausschlaggebenden neuen Zuwachs an
Devisen. Diese wirtschaftliche Binsenwahrheit wurde im Aus-
land, das in maßgebenden Kreisen über unsere wirtschaftlichen
Verhältnisse viel besser orientiert ist, als es im allgemeinen wahr
haben will, viel eher erkannt als im Inland, ein Umstand, dem
– neben den von Frankreich ausgegangenen Angriffen auf die
Mark – in erster Linie die Markverschlechterung zuzuschreiben
ist, die bekanntlich im Ausland ihren Anfang genommen hat.
Verschlimmert wurden diese Verhältnisse noch durch das Schwin-
den des Glaubens an die Mark, das eintrat, als offensichtlich
wurde, daß die Reichsbank ihre feierliche Erklärung, die Aktion
der Marktstabilisierung fortsetzen zu können, nicht erfüllen konnte,
zumal sie zulange die Devisenkurse festhielt, die der fortgeschrit-
tenen inneren Markentwertung nicht mehr entsprachen. Der le-
gale Devisenbedarf, der auf Einlösung des Versprechens der
Reichsbank rechnete, wurde schwer geschädigt, während die Mark-
pessimisten gewannen. Daß nach einer solchen Lehre das Ver-
trauen auf ähnliche Erklärungen nicht mehr stark sein kann,
dürfte klar sein. Die Devisenverordnung konnte diesen Einflüs-
sen gegenüber nicht viel ausrichten. Sie hat vielmehr indirekt
sogar zu einer weiteren Verschlechterung der Mark beigetragen,
da sie weitere Kreise zum Ankauf von Dollarschatzanweisungen
veranlaßte, die dadurch über die Dollarparität getrieben wurden
und somit der Markverschlechterung neue Wege bahnten.
       Das finanztechnische Experiment der Markstützungsaktion
mußte mißlingen, weil seine wirtschaftlichen Voraussetzungen
fehlten. Auch die Wahl einer anderen Methode wird keinen
Erfolg haben, da auch auf diese Weise nicht die Bereitstellung
eines für den legalen Bedarf ausreichenden Devisenbetrages er-
zielt wird. Der Fehler ist, daß Fragen wirtschaftlicher Art immer
hinter denjenigen finanztechnischer Art zurückgesetzt werden.
                                                                                                   R. W. B.

Wenn Sie sich die vollständige Ausgabe des Solinger Tageblatts ansehen möchten, klicken Sie auf den Link: Solinger Tageblatt 5. Juni 1923

Stadtarchiv Solingen: RK
Stadtarchiv Solingen: RK

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Solingen: RK (5. Juni 2023). 5. Juni 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/ae5t