Quelle: Stadtarchiv Troisdorf, Pressesammlung: Siegburger Kreisblatt vom 29. September 1923
Nachdem Reichskanzler Stresemann das Ende des passiven Widerstands im besetzten Ruhrgebiet angekündigt hat, reagiere die Pariser Presse nicht mit dem Willen zur Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Der Ton sei vielmehr der eines Waffenstillstands gegenüber dem Unterworfenen. So blieben viele Fragen offen und Verhandlungen dringend notwendig.
Waffenstillstand.
Ein französisches Programm.
Ein an maßgebender Stelle unterrichteter
Mitarbeiter schreibt uns: „Ein Sympton nicht
mehr!“ so soll sich Poincare, von seinem Land-
haus nach Paris zurückkehrend, zu den im Au-
ßenministerium versammelten Journalisten über
den Abbruch des Ruhrwiderstandes geäußert ha-
haben. Frankreich will abwarten und sich die
nächsten Verordnungen der deutschen Regierung
genauer ansehen. Diese nächsten Verordnungen
können natürlich nur darin bestehen, daß die deut-
schen Behörden im Ruhrgebiet, soweit ihnen die
französisch-belgische Militärherrschaft Bewe-
gungsfreiheit gelassen hat, die Wiederaufnahme
der Arbeit einleiten. Alles weitere aber hängt
doch davon ab, daß die Besatzungsmächte auf
den guten Willen der deutschen Seite eingehen.
Offenbar im Gefühle, daß von beiden Seiten
etwas geschehen muß und daß eben nicht weiter
abgewartet werden darf, bringen die Pariser Blät-
ter ein Programm, das sie sich, wie es scheint,
am Quai d’Orsay geholt haben. Dieses Pro-
gramm enthält aber beileibe noch nicht die Richt-
linien eines künftigen wirtschaftlichen Zusam-
menwirkens zwischen Deutschland und den Sie-
gern des Ruhrkrieges, sondern nur einen –
Waffenstillstand, mit den dazugehörigen Bedin-
gungen für den Unterworfenen. Da ist z. B.
gesagt, die deutsche Polizei dürfe ihre Tätig-
kreit wieder aufnehmen, aber nur unter der Kon-
trolle der Alliierten! Frankreich und Bel-
gien wollen ihre Hand also fest auf der Verwal-
tung halten. Eine Wiederherstellung der deut-
schen Gebietshoheit und der deutschen Staats-
autorität durch eine Polizei mit gebrochenem
Rückgrat ist unter solchen Umständen unmöglich.
Zweiter Programmpunkt: Die Eisenbahnregie
Die französisch-belgische Regie bleibt während des
Waffenstillstandes aufrechterhalten. Lokale deut-
sche Vertreter werden zugezogen. Die deutschen
Eisenbahner werden wieder in den Dienst einge-
stellt. Nichts ist dabei gesagt über das Schicksal
der Vertriebenen. Dürfen sie samt und sonders
zurückkehren? Nichts verlautet über das Los
der Eingekerkerten. Werden sie sofort freige-
lassen? Die deutschen Beschlüsse und Kundge-
bungen, die den Ruhrwiderstand als erledigt und
abgetan erklären, enthalten ganz bestimmte For-
derungen, die auf jeden Fall noch ausgekämpft
werden müssen. Es sind die sog. Ehrenpunkte,
auf die besonders der bayerische Ministerpräsident
Dr. v. Knilling in den Verhandlungen mit dem
Reichskanzler hingewiesen hat. Sie betreffen
alle von den Franzosen und Belgiern gefangen ge-
setzten oder ausgewiesenen Ruhr- und Rhein-
deutschen, ganz besonders die Eisenbahner. Ohne
befriedigende Lösung dieser Frage wird sich die
französisch-belgische Bahnregie vergebens nach
dem Rückstrom der deutschen Eisenbahner um-
sehen.
Der dritte Punkt: Kohle und Wirtschafts-
produkte des Ruhrgebiets. Ihre Ausfuhr nach
dem unbesetzten Deutschland soll wieder frei sein.
Aber erhoben werden 26 Prozent Ausfuhrzoll
für die Reparationskasse; aus bestimmten staat-
lichen Bergwerken wird wieder die Repa-
rationskohle geliefert. Aber alle diese Dinge
müssen doch Sache neuer Vereinbarung sein.
Wenn gar noch von einer interalliierten Kon-
trollkommission die Rede ist, die die (staatlichen)
Bergwerke verwalten soll, so kann diese Rege-
lung ebenfalls nicht einseitig von den Besatzungs-
mächten getroffen werden. Sie kann es umso-
weniger, als das Ganze ja nur als ein Schwebe-
zustand gedacht ist, der bis zur Beendigung der
alliierten Reparationsverhandlungen mit Deutsch-
land andauern soll.
Mit dem Ton, den die offiziöse französische
Presse immer noch anzuschlagen beliebt, kommt
man im Ruhrgebiet sicher nicht weiter. Wenn
z. B. der Temps höhnt, die deutsche Regierung
habe offenbar nicht die Absicht, den Ruhrgewinn-
lern den Profit wieder abzujagen, so ist zu erwi-
dern: Das ist eine rein innerdeutsche Angelegen-
heit, die kein Pariser Redaktionsbüro etwas
etwas angeht. Und wenn derselbe Temps im
Stresemannschen Verzicht die künftigen Zahlun-
gen und Garantien vermißt, so gibt es nur
eine Antwort: Das gehört eben zu den Verhand-
lungen, die jetzt unverzüglich eingeleitet wer-
den müssen.
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Stadtarchiv Troisdorf (29. September 2023). 29. September 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/afwn
