Quelle: Stadtarchiv Troisdorf, Pressesammlung: Siegburger Kreisblatt vom 31. Juli 1923
Die Verhältnisse in Deutschland erinnern an Frankreich vor 130 Jahren, als das Volk in den Nachwehen der Revolution an Geldentwertung und Hunger litt. Damals kam Napoleon; auch heute wünschten sich viele einen Diktator, um die Krise zu überwinden. Doch nur eine Kombination aus außenpolitischer Entspannung und innenpolitischen Reformen könne Deutschland wieder auf die Beine bringen.
Vor dem Abgrund.
Heute und vor 130 Jahren.
„Die Klasse, die über alles Maß hinaus lei-
det, das sind die kleinen Beamten und Rentiers,
die Masse der Arbeiter und der städtische Pöbel,
der aus der Hand in den Mund lebt, der die
Revolution gemacht hat, und der sich schlechter
befindet“ . . . So schrieb der berühmte Hi-
storiker Hippolyte Taine in seiner Geschichte von
der Entstehung des modernen Frankreichs. Er
beschrieb volkswirtschaftliche Zustände, die sich
heute vor 130 Jahren, im Jahre 1793 vier Jahre
nach dem politischen Umsturz herausgebildet
hatten.
Die Teuerung überstieg auch damals alle Be-
griffe. Der Bauer begann die Annahme des
immer wertloser werdenden Papiergeldes, der
Assignaten, zu verweigern. Er gab seine Pro-
dukte nur noch gegen Goldwerte nach einem be-
stimmten Index her, zumal er ja in der Stadt
für die Papierzettel von Woche zu Woche weni-
ger Ware erhielt. Auch griffen Raub und
Ladenplünderung so um sich, daß es kein Vergnü-
gen war, zur Stadt zu fahren. So verschärfte
sich die Teuerung in den Städten, die Gemein-
den sahen sich gezwungen, sich in ein Meer von
Schulden zu stürzen. Aber die Menge der Nah-
rungsmittel wurde immer geringer, der Wucher
immer schamloser. Vor den Pariser Bäckerläden
begann im Februar 1793 das Anstehen, im Juni
wuchsen die Schlangen der Wartenden zu unge-
heurer Länge. Man begann des Nachts, um
überhaupt noch etwas zu erhalten. Im Februar
1794 war die Hungersnot da. Die Entwertung
des Geldes war soweit vorgeschritten, daß die
Bauern, trotz der Strafbestimmungen ihre Waren
vergruben oder noch auswärts schickten. Jeder
hielt mit seiner Ware zurück. In den Städten
folgte die allgemeine Auflösung. Teuerungskra-
walle waren an der Tagesordnung. An vielen
Orten wimmerten die Sturmglocken, die Bür-
ger verschanzten die Tore und trugen Steine
und heißes Wasser auf die Dächer, um die An-
griffe der Tumultuanten abzuwehren. In dieser
vollendeten Trostlosigkeit, scheinbar ohne jede
Hoffnung, brachen die inneren Zustände des Lan-
des so völlig zusammen, daß es schließlich allge-
mein als Erlösung empfunden wurde, als eine
harte Hand, die Herrschaft an sich riß und er-
barmungslos einen neuen Zustand der Dinge
herbeiführte. Napoleon kam!
Auch heute mehren sich in Deutschland die
Stimmen, die nach einem Diktator rufen, der
den in den Abgrund sinkenden Staatswagen
zurückreißt. Aber die modernen Verhältnisse
in dem industrialisierten und durch den Krieg
und Friedensvertrag durch tausend Stricke ge-
bundenen Deutschland sind doch viel zu sehr ver-
wickelt, um durch das Genie eines überragenden
Mannes gerettet werden zu können. Allein schon
die Währungsfrage erfordert einen Riesenumfang
von Reformen, die ein einzelner Staatsmann
neben seiner politischen Aufgabe gar nicht be-
herrschen und durchführen könnte. In Frank-
reich vor 130 Jahren war es nicht Napoleon, der
den Kampf mit der zerrütteten Valuta auf-
nahm, sondern noch das Direktorium. Dieses al-
lerdings stellte, ähnlich dem heutigen Reichsfi-
nanzminnisterium zuerst die untauglichsten und
törichsten Versuche an. Man wollte den Kurs der
Assignaten heben, indem man die Druckpressen
und die Platten öffentlich verbrannte. Dann
gab der Finanzminister der Hoffnung Ausdruck,
einen Teil des ausgegebenen Papiergeldes durch
– Zwangsanleihen tilgen zu können. Was da-
bei herauskam, war eine Plünderung der Staats-
schuldengläubiger und eine neue Panik, bei der
der Kurs der Assignaten erst recht zurückging.
Man schritt zur Verpfändung der Staatsforsten
und gab 1796 die Mandats territoriaux heraus,
neue Pfandbriefe, die im Grunde nun wieder As-
signaten waren und Ende 1796 auf 2½ Prozent
fielen.
Aus dem Abgrunde des Teuerungselends stieg
Frankreich schließlich nur durch eine Reihe be-
sonders glücklicher Erntejahre, durch Hebung der
volkswirtschaftlichen Arbeit und durch Ueberwin-
dung der kommunistischen Errungenschaften der
Revolution wieder in die Höhe. Für das heu-
tige Deutschland, dessen Volkswirtschaft durch
zahllose Fäden mit dem Weltmarkt verbunden
ist, wird die Lösung des Währungs- und Teue-
rungsproblems nur auf dem Umwege über die
außenpolitische Entspannung und über innen-
politische Reformen zu finden sein. Eine Her-
kulesarbeit wartet der nächsten Regierung.
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Stadtarchiv Troisdorf (31. Juli 2023). 31. Juli 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/afki
