Quelle: Stadtarchiv Troisdorf, Pressesammlung: Siegburger Kreisblatt vom 7. Juni 1923
In Berlin wurde ein Ausschuss eingerichtet, der die Stützungsaktion der deutschen Währung untersuchen soll.
Das Fehlschlagen der Markstützungsaktion.
Berlin, 5. Juni. Der Ausschuß des
Reichstages zur Untersuchung der Vorgänge, die zum
Fehlschlag der Markstützungsaktion geführt haben,
trat heute zu einer öffentlichen Sitzung zusammen.
Vor Eintritt in die Tagesordnung teilte der Vor-
sitzende mit, daß der Ausschuß in der Zwischenzeit
zwei nichtöffentliche Sitzungen abgehalten habe. In
diesen habe sich jedoch herausgestellt daß in der gan-
zen Angelegenheit nichts das Licht der Oeffentlichkeit
zu scheuen habe. Bankier Löb, der als banktechnischer
Berater bei der Stützungsaktion mitgewirkt hat, er-
klärte sodann, die Sachverständigen hätten sich von
Anfang an in vollem Einverständnis mit den zustän-
digen Stellen der Reichsbank und des Reichsfinanz-
ministeriums auf dem Standpunkt gestellt, daß der
Versuch, den Markkurs auf einem relativ günstigen
Nivo zu halten, nur für eine gewisse Zeit Aussicht auf
Erfolg hätte. Es bestand Uebereinstimmung darü-
ber, daß die Hergabe von Devisenbeständen zur Stüt-
zung der Mark begleitet sein müßte von den Bestre-
bungen, den Geldmark[t] unter Druck zu halten, d. h.
vom Standpunkt der Reichsbank aus, sich bei der
Diskontierung von Wechseln eine große Beschränkung
aufzuerlegen und vom Standpunkt des Reiches, die
finanzielle Unterstützung des Widerstandes an der
Ruhr nach Möglichkeit so zu handhaben, daß dabei
nicht allzugroße Marksummen flüssig werden konn-
ten. Diese Gesichtspunkte haben ungefähr während
der ersten zwei Monate eine ganz außergewöhnlich
starke Wirkung ausgeübt, die soweit ging, daß wäh-
rend dieser Monate im allgemeinen nicht nur keine
Hamsterung von Devisen stattfand, sondern während
des Monats Februar unter dem enormen Druck der
Geldknappheit Devisen von weiten Kreisen der Wirt-
schaft zwangsweise abgegeben werden mußten. Mit
dem Mißerfolg der Schatzanweisungsanleihe fing das
Vertrauen in die Möglichkeit einer langen Ausdeh-
nung der Stützungsaktion an, ins Schwanken zu
kommen, mit der Wirkung, daß diejenigen, die sich
nicht aus reinen Zinsgründen der Devisen entledigt hat-
ten, anfingen, sich Devisen wieder zu beschaffen und
man fing an, sich wieder in normaler Weise für die
Bedürfnisse der nächsten Zeit zu versorgen. Es war
eine ziemlich natürliche Reaktion auf die künstliche
Zurückdrängung des Devisenbedarfs im Februar und
März. Der Devisenbedarf wurde vom 28. März
an dauernd stärker und erreichte schließlich einen
Punkt, wo es der Reichsbank nicht mehr nötig er-
schien, ihn auf der bisherigen Kursbasis zu befriedigen.
Staatssekretär Bergmann schloß sich kurz den
Ausführungen des vorher vernommenen Gutachters
an und erklärte, auch er schreibe die Ereignisse vom
18. April einer ganz natürlichen Entwicklung zu, weil
die Finanzlage des Reiches, insbesondere die Infla-
tion den Verlauf genommen habe, den sie nach dem
Gang der politischen Ereignisse nehmen mußte.
Der Reichskommissar an der Börse, Geheimrat
Lippert, ergänzte die Gutachten mit dem Hinweis
auf die Tatsache, daß die französische Regierung durch
ihre Stellungnahme gegenüber der Ausgabe der Dol-
larschatzanweisungsanleihe und der Garantieerklärung
der Reichsbank daß weiter die Aufnahme der Rede
des Außenministers v. Rosenberg vom 16. April in
Frankreich das Vertrauen der Welt und der deutschen
Wirtschaft in eine weitere Möglichkeit den Kurs zu
halten, wesentlich geschwächt habe. Der [s]ogenannte
Einbruch in die Stützungsaktion habe [v]om Ausland
seinen Ausgang genommen. Dann erst sei das In-
land nervös geworden und habe versucht, wieder De-
visen zu kaufen.
Auf eine Anfrage des Abg. Robert Schmidt
(S.), wie hoch die Devisenbestände der Banken und
der deutschen Wirtschaft seien, antwortete Reichsbank-
präsident Havenstein, daß die Devisenbestände,
die unsere Wirtschaft überhaupt habe, im Auslande
mit einer Summe von zwei Milliarden Goldmark
keineswegs unterschätzt, wahrscheinlich aber sehr stark
überschätzt seien. Der gesamte Goldumlauf in Deutsch-
land betrage nur sieben ein halb Billionen, also nur
ein fünftel von zwei Milliarden Goldmark. Kredi-
toren der deutschen Privatbanken seien z. Zt. etwa
drei Billionen. Ein Devisenbestand von zwei Mil-
liarden Goldmark also das zwölffache der ge-
samten Kreditoren der deutschen Bankwelt sein. Der
heutige Kurswert des gesamten deutschen Aktienkapi-
tals betrage ungefähr acht Milliarden Goldmark.
Nach der Schätzung von zwei Milliarden Goldmark
würde der Devisenbestand als ein Viertel des gesam-
mten Aktienkapitals ausmachen. Die von dem engli-
schen Finanzminister, Sir Robert Horne, genannte
Höchstsumme von zwei Milliarden Goldmark sei
wahrscheinlich zu hoch.
Bankier Loeb verneinte die Frage, ob die De-
visenbestände lediglich aus volkswirtschaftlichen Not-
wendigkeiten angeschafft worden seien. Der Bestand
von 83 Millionen Goldmark in Devisen bei zwei un-
serer größten Banken sei nicht nur nicht übermäßig,
sondern bedauerlich klein.
Auf eine Anfrage des Abg. Dauch (DVP.) er-
klärte der Sachverständige, daß er anläßlich einer An-
frage des Engländers Keynes die gesamten Devi-
sen- und Notenbestände in Deutschland auf höchstens
ein und eine halbe Milliarde Goldmark geschätzt habe,
darunter fünf Millionen in Noten. Bei achtzeh[n]facher
Geldentwertung bedeute das fünf Billionen Papier-
mark.
An eine Mitteilung des Staatsekretärs Trende-
lenburg, daß auf Grund der alten Devisenordnung
vom Oktober vorigen Jahres Bestrafungen erfolgt
seien, knüpfte sich eine Geschäftsordnungsdebatte über
die Frage einer besonderen Behandlung der Devisen-
beschaffung und der Kontrolle in besonderer Sitzung.
Von sozialdemokratischer Seite wurde angeregt, die
Namen der bestraften Firmen mitzuteilen, Beschlos-
sen wurden die Verhandlungen in beso[n]derer Sitzung,
in der die Regierung das Material vorlegen soll.
Darüber ob die Bestrafungen in die Oeffentlichkeit
kommen sollen, wird in der nächsten Sitzung beschlos-
sen werden.
Abg. Helfferich (DN.) warf dann die Frage
auf, ob nach der Meinung, der Sachverstän-
digen die Einlei[t]ung der Stützungsaktion
zu einem früheren Zeitpunkt mehr Er-
folg versprochen hätte, Loeb, erklärte, daß er der festen
Ueberzeugung sei, daß vor der Regelung der Repa-
rationsfrage jeder Versuch, die Mark dauernd zu
stabilisieren, zur vollkommenen Erfolglosigkeit ver-
urteilt sei. Auf eine weitere Frage des Abg. Helf-
ferich erwiderte Havenstein, er schätze die Verschuldung
Deutschlands, abgesehen von den Reparationslasten
auf rund drei Viertel Goldmilliarden. Das Aus-
land verfüge über etwa zehn Prozent des deutschen
Aktienbesitzes; das mache etwa 800 Goldmillionen
aus. Der Verkauf deutschen Grundbesitzes an Aus-
länder werde auf 500 bis 600 Goldmillionen ge-
schätzt. Dr. Helfferich stellte nunmehr fest, daß mit-
hin 800 bis 900 Millionen Goldmark zu dem De-
fizit von 2,2 Milliarden hinzukämen und Abg.
Dernburg (D.) machte darauf aufmerksam, daß
außerdem 26 Prozent vom Werte aller Waren, die
nach England gehen, auf Grund des „recovery act’s“
an England zu zahlen seien. Das sei nach englischen
Mitteilungen mehr, als die gesamten Ausgaben Eng-
lands in Deutschland für die Besatzung.
Abg. Helfferich folgerte aus der Unmöglich-
keit, dieses große Defizit der Handelsbilanz ab-
zudecken, die Notwendigkeit fortgesetzter Markver-
verkäufe im Ausland und einen dauernden Druck
auf den Kurs der Mark. Redner bestritt jedoch, daß
die Inflation die Wurzel eiens Uebel[s] sei. Der Geld-
umlauf habe am 26. Mai 7,7 Billionen Mark be-
tragen, das sei bei einem Entwertungsfaktor von
15 000 in Goldmark 600 Millionen. Vor dem
Kriege habe der Geldumlauf jedoch sechs Milliarden
betragen. Mit 600 Millionen Goldmark könne die
deutsche Wirtschaft nicht aufrechterhalten werden.
Reichsbankpräsident Havenstein stimmte dem
zu und erklärte seinerseits, daß die Hauptursache der
Geldentwertung nicht in der sogenannten Inflation
liege, sondern daß der Anstoß von außen her käme.
Redner gab dann in längeren Ausführungen eine
Darstellung dessen, was er unter Inflation versteht.
Beim heutigen Stande sei die Zahlungsbilanz das
entscheidende, nicht die Inflation, die daneben bestehe.
Der Geldbedarf sei, in Gold umgerechnet, sehr viel
geringer als früher, denn der Warenumsatz habe sich
vermindert und vereinfacht. Große Teile von Deutsch-
land seien abgetrennt, der Konsum des Volkes bedeu-
tend herabgesetzt. Ob man daraus bestimmte Schlüsse
ziehen könne, sei zweifelhaft. Unzweifelhaft sei es je-
doch, daß man mit der Goldmenge nicht auskommen
werde, wenn die Währung stabilisiert werde. Auf
eine Frage des Abg. Fröhlich (K.), ob in der
Tat die Rücksicht auf die Wünsche der Exportindustrie
die Aktion zu einer weiteren Senkung des Dollars
beeinflußt habe, erklärte Staatssekretär Trendelenburg
daß das Reichswirtschaftsministerium niemals auf
die Reichsbank dahin eingewirkt habe, daß auf
Wünsche der Exportindustrie bei Normierung des
Dollarkurses Rücksicht genommen werden möge, und
Staatssekretär Schröder stellte fest, daß an das
Finanzministerium keinerlei Anträge der Exportin-
dustrie erfolgt seien, wenn auch die Frage erörtert
wurde, welcher Kurs noch für die Exportindustrie
erträglich sei. Schließlich äußerte sich Reichsbank-
präsident Havenstein noch über die Frage der
Kreditgewährung durch die Reichsbank. Die Ein-
führung von Goldkonten bei der Reichsbank sei nach
allen Richtungen hin einfach unmöglich. Die ganze
Wirtschaft würde dann auf dem Rücken der Reichs-
bank spekulieren. Auch Börsenkommissar Lip-
pert hielt es für ausgeschlossen, daß die Reichsbank
in unbegrenzter Höhe Goldkonten einrichten könne,
hielt aber die Ausstellung von Wechseln auf wert-
beständiger Basis wie Handelswechsel auf Gold,
Kupfer usw. für möglich. Zum Schluß der heutigen
Sitzung bestätigte Reichsbankpräsident Havenstein
auf eine Frage Helfferichs, daß die Reichsbank der
privaten Wirtschaft, wenn man den Gesamtsaldo ziehe,
Geld schuldig sei.
Am Mittwoch vormittag soll die Erörterung der
Frage der Kreditgewährung in neuer öffentlicher Sit-
zung fortgeführt werden.
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Stadtarchiv Troisdorf (7. Juni 2023). 7. Juni 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/af90
