28. Juni 1923

Quelle: Stadtarchiv Solingen, Bergische Arbeiterstimme 28. Juni 1923

Karl Radek, einer der führenden Vertreter der Kommunistischen Internationale, mit seinen bemerkenswerten Gedanken zu Leo Schlageter, die kurzfristig eine neue Linie der Kommunisten definierten. Angesichts der faschistischen Gefahr sollten mit patriotisch-nationalistischen Themen die Mittelschichten in Deutschland für eine Zusammenarbeit mit Sowjet-Russland (und den Kommunisten) gewonnen werden.

                                Leo Schlageter, der Wanderer in[s] Nichts.
Eine Rede des Genossen Karl Radek, gehalten in der Sitzung der Erweiterten Exekutive
                     der Kommunistischen Internationale am 20. Juni 1923.
   Wir haben das weitausgreifende und tiefeindringende Referat
der Genossin Zetkin angehört über den internationalen Faszismus,
diesen Hammer, der — bestimmt, auf das Haupt des Proletariats
zerschmetternd niederzufallen — in erster Linie die kleinbürgerlichen
Schichten treffen wird, die ihn im Interesse des Großkapitals schwin‐
gen. Ich kann diese Rede unserer greisen Führerin weder erweitern
noch ergänzen. Ich konnte sie nicht einmal gut verfolgen, weil mir
immerfort vor den Augen der Leichnam des deutschen Faszisten
stand, unseres Klassengegners, der zu Tode verurteilt und erschossen
wurde von den Schergen des französischen Imperialismus, dieser
starken Organisation eines anderen Teils unserer Klassenfeinde. Wäh‐ [sic!]
der ganzen Rede der Genossin Zetkin über die Widersprüche des
Faszismus schwirrte mir im Kopfe der Name Schlageter und sein
tragisches Geschick. Wir wollen seiner gedenken hier, wo wir politisch
zum Faszismus Stellung nehmen. Die Geschicke dieses Märtyrers
des deutschen Nationalismus sollen nicht werschiegen [sic!], nicht mit
einer abwerfenden Phrase erledigt werden. Sie haben uns, sie haben
dem deutschen Volke vieles zu sagen.
   Wir sind keine sentimentalen Romantiker, die an der Leiche die
Feindschaft vergessen, und wir sind keine Diplomaten, die sagen: am
Grabe Gutes reden oder schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der
Konterrevolution, verdient es, von uns Soldaten der Revolution
männlich-ehrlich gewürdigt zu werden. Sein Gesinnungsgenosse
Freska hat im Jahre 1920 einen Roman veröffentlicht, in dem er
das Leben eines im Kampfe gegen Spartakus gefallenen Offiziers
schildert. Freska nannte den Roman: „Der Wanderer ins Nichts”.
Wenn die Krise der deutschen Faszisten, die ehrlich dem deutschen
Volke dienen wollen, den Sinn der Geschicke Schlageters nicht ver‐
stehen werden, so ist Schlageter umsonst gefallen, und dann sollten
sie auf sein Denkmal schreiben: „Der Wanderer ins Nichts”.
                                              *
   Deutschland lag auf dem Boden, geschlagen. Nur Narren
glaubten, daß die siegreiche kapitalistische Entente das deutsche Volk
anders behandeln wird, als das siegreiche deutsche Kapital das
russische, das rumänische Volk behandelt hat. Nur Narren oder
Feiglinge, die die Wahrheit fürchteten, konnten an die Verheißungen
Wilsons, an die Erklärungen glauben, daß nur der Kaiser, nicht das
deutsche Volk für die Niederlage zu zahlen haben wird. Im Osten
stand ein Volk im Kampfe. Hungernd, frierend rang es gegen die
Entente an 14 Fronten: Sowjet-Rußland. Eine dieser Fronten war
gebildet von deutschen Offizieren und deutschen Soldaten. Im Frei‐
korps Medem, das Riga stürmte kämpfte Schlageter. Wir wissen
nicht ob der junge Offizier den Sinn seiner Tat verstanden hat.
Der damalige deutsche Regierungskommissar, der Sozialdemokrat
Winnig und der General von der Goltz, der Leiter der Baltikumer,
wußten, was sie taten. Sie wollten durch Schergendienste gegen das
russische Volk der Entente Wohlwollen erobern. Damit die besiegte
deutsche Bourgeoisie keine Kriegstribute den Siegern zahle, ver‐
mietete sie junges deutsches Blut, das von der Kugel des Weltkrieges
verschont worden ist, als ententistische Söldlinge gegen das russische
Volk. Wir wissen nicht, was Schlageter über diese Zeit dachte. Sein
Führer Medem hat später eingesehen, daß er durchs Baltikum ins
Nichts wanderte. Haben das alle deutschen Nationalisten verstanden?
   Bei der Totenfeier Schlageters in München sprach General
Ludendgrff [sic!], derselbe Ludendorff, der sich bis auf heute England wie
Frankreich als Obriste im Kreuzzug gegen Rußland anbietet.
   Schlageter wird beweint von der Stinnes-Presse. Herr Stinnes
wurde eben in der Alpina Montana der Kompagnon von Schneider‐
Creusot, des Waffenschmiedes der Mörder Schlageters.
   Gegen wen wollen die Deutschvölkischen kämpfen: gegen das
Ententekapital oder das russische Volk? Mit wem wollen sie sich ver‐
bünden? Mit den russischen Arbeitern und Bauern zur gemein‐
samen Abschüttelung des Joches des Ententekapitals, oder mit dem
Ententekapital zur Versklavung des deutschen und russischen Volkes?
   Schlageter ist tot. Er kann die Frage nicht beantworten. An
seinem Grabe haben seine Kampfgenossen die Fortführung seines
Kampfes geschworen. Sie müssen antworten: gegen wen, an wessen
Seite?
                                             *
   Schlageter ging vom Baltikum nach dem Ruhrgebiet. Nicht
erst im Jahre 1923, schon im Jahre 1920. Wißt ihr, was das be‐
deutet? Er nahm an dem Ueberfall auf die Ruhrarbeiter durch das
deutsche Kapital teil, er kämpfte in den Reihen der Truppen, die die
Ruhrbergleute den Eisen- und Kohlenkönigen zu unterwerfen hatten.
Watters Truppen, in deren Reihen er kämpfte, schossen mit denselben
Bleikugeln, mit denen General Degoutte die Ruhrarbeiter beruhigt.
Wir haben keine Ursache, anzunehmen, daß Schlageter aus egoisti‐
schen Gründen die hungernden Bergarbeiter niederwerfen half.
   Der Weg der Todesgefahr, den er wählte, spricht und zeugt für
ihn, sagt, daß er überzeugt war, dem deutschen Volke zu dienen. Aber
Schlageter glaubte, daß er am besten dem Volke dient, wenn er hilft,
die Herrschaft der Klasse aufzurichten, die bisher das deutsche Volk
geführt und in dieses namenlose Unglück gebracht hat. Schlageter
sah in der Arbeiterklasse den Pöbel, der regiert werden muß. Und
er war ganz gewiß einer Meinung mit dem Grafen Reventlow, der
da gelassen sagt, jeder Kampf gegen die Entente sei unmöglich, so‐
lange der innere Feind nicht niedergeschlagen ist. Der innere Feind
aber war für Schlageter die revolutionäre Arbeiterklasse.
   Schlageter konnte mit eigenen Augen die Folgen dieser Politik
sehen, als er ins Ruhrgebiet im Jahre 1923 während der Ruhr‐
besetzung kam. Er konnte sehen, daß, wenn auch die Arbeiter gegen
den französischen Imperialismus einig dastehen, kein einiges Volk
an der Ruhr kämpft und kämpfen kann[.] Er konnte sehen das tiefe
Mißtrauen, das die Arbeiter zu der deutschen Regierung, zu der
deutschen Bourgeoisie haben. Er konnte sehen, wie der tiefe Zwiespalt
der Nation ihre Verteidigungskraft lähmt. Er konnte mehr sehen.
Seine Gesinnungsgenossen klagen über die Passivität des deutschen
Volkes. Wie kann eine niedergeschlagene Arbeiterklasse aktiv sein?
Wie kann eine Arbeiterklasse aktiv sein, die man entwaffnet hat, von
der man fordert, daß sie sich von Schiebern und Spekulanten ausbeuten
läßt? Oder sollte die Aktivität der deutschen Arbeitermasse vielleicht
durch die Aktivität der deutschen Bourgeoisie ersetzt werden? Schla‐
geter las in den Zeitungen, wie dieselben Leute, die als Gönner
der völkischen Bewegung auftreten, Devisen ins Ausland schieben,
um das Reich arm, sich aber reich zu machen. Schlageter hatte ganz
gewiß keine Hoffnung auf diese Parasiten, und es war ihm er‐
spart, in den Zeitungen zu lesen, wie sich die Vertreter der deutschen
Bourgeoisie, wie sich Dr. Lutterbeck an seine Henker mit der Bitte
wandte, sie sollen doch den Königen von Stahl und Eisen erlauben,
die hungernden Söhne des deutschen Volkes, die Männer, die den
Widerstand an der Ruhr durchführen, mit Maschinengewehren zu
Paaren treiben.

   Jetzt, wo der deutsche Widerstand durch den Schurkenstreich
Dr. Lutterbecks und noch mehr durch die Wirtschaftspolitik der be‐
sitzenden Klassen zu einem Spott geworden ist, fragen wir die ehr‐
lichen, patriotischen Massen, die gegen die französische imperialistische
Invasion kämpfen wollen: Wie wollt ihr kämpfen, auf wen wollt ihr
euch stützen? Der Kampf gegen den ententistischen Imperialismus
ist ein Krieg, selbst wenn in ihm die Kanonen schweigen. Man kann
keinen Krieg an der Front führen, wenn man das Hinterland in Auf‐
ruhr hat. Man kann im Hinterlande eine Minderheit niederhalten,
man kann nicht die Mehrheit niederhalten. Die Mehrheit des deut‐
schen Volkes besteht aus arbeitenden Menschen, die kämpfen müssen
gegen die Not und das Elend, das die deutsche Bourgeoisie über sie
bringt. Wenn sich die patriotischen Kreise Deutschlands nicht ent‐
scheiden, die Sache dieser Mehrheit der Nation zu der ihrigen zu
machen und so eine Front herzustellen gegen das ententistische und
das deutsche Kapital, dann war der Weg Schlageters ein Weg ins
Nichts, dann würde Deutschland angesichts der ausländischen In‐
vasion, der dauernden Gefahr seitens der Sieger zum Felde blutiger
innerer Kämpfe, und es wird dem Feinde ein Leichtes sein, es zu
zerschlagen und zu zerstückeln.
   Als nach Jena Gneisenau und Scharnhorst sich fragten,
wie man das deutsche Volk aus seiner Erniedrigung hinausbringen
kann, da beantworteten sie die Frage: Nur, indem man den Bauern
frei macht — aus der Hörigkeit und Sklaverei der Freien. Nur
der freie Rücken des deutschen Bauern kann die Grundlage bilden für
die Befreiung Deutschlands. Was die deutsche Bauernschaft am An‐
fang des 19. Jahrhunderts war, das ist für die Geschicke der deutschen
Nation am Anfang des 20. Jahrhunderts die deutsche Arbeiterklasse.
Nur mit ihr zusammen kann man Deutschland von den Fesseln der
Sklaverei befreien, nicht gegen sie!
                                              *
   Vom Kampf sprechen die Genossen Schlageters an seinem
Grabe. Den Kampf weiterzuführen, schwören sie. Der Kampf richtet
sich gegen einen Feind, der bis auf die Zähne bewaffnet ist, während
Deutschland entwaffnet, während Deutschland zermürbt ist. Soll das
Wort vom Kampfe keine Phrase sein, soll er nicht in Sprengkolonnen
bestehen, die Brücken zerstören, aber nicht den Feind in die Luft
sprengen können, die Züge entgleisen, aber nicht den Siegeszug des
Ententekapitals aufhalten können, so erfordert dieser Kampf die
Erfüllung einer Reihe von Vorbedingungen. Er fordert von dem
deutschen Volke, daß es bricht mit denen, die es nicht nur in die
Niederlage hineingeführt haben, sondern die diese Niederlage, die
Wehrlosigkeit des deutschen Volkes verewigen, indem sie die Mehrheit
des deutschen Volkes als den Feind behandeln. Er erfordert den
Bruch mit den Leuten und den Parteien, deren Gesicht wie ein Me‐
dusengesicht auf die anderen Völker wirkt und sie gegen das deutsche
Volk mobilisiert. Nur, wenn die deutsche Sache die des deutschen
Volkes ist, nur, wenn die deutsche Sache im Kampfe um die Rechte des
deutschen Volkes besteht, wird sie dem deutschen Volke tätige Freunde
werben. Das stärkste Volk kann nicht ohne Freunde bestehen, desto‐
weniger ein geschlagenes, von Feinden umgebenes Volk. Will
Deutschland imstande sein, zu kämpfen, so muß es eine Einheitsfront
der Arbeitenden darstellen, so müssen die Kopfarbeiter sich mit den
Handarbeitern vereinigen zu einer eisernen Phalanx. Die Lage der
Kopfarbeiter erfordert diese Einigung. Nur alte Vorurteile stehen
ihr im Wege. Vereinigt zu einem siegreichen, arbeitenden Volk, wird
Deutschland imstande sein, große Quellen der Energie und des Wider‐
standes zu entdecken, die jedes Hindernis übrwinden [sic!] werden.
             Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht,
               macht die Sache der Nation zur Sache des Volkes.
   Geeinigt zu einem Volk der kämpfenden Arbeit, wird es Hilfe
anderer Völker finden, die um ihre Existenz kämpfen. Wer in diesem
Sinne den Kampf nicht vorbereitet, der ist fähig zu Verzweiflungs‐
taten, nicht fähig aber zum wirklichen Kampfe.
                                                   *
   Dies hat die Kommunistische Partei Deutschlands, dies hat die
Kommunistische Internationale an dem Grabe Schlageters zu sagen.
Sie hat nichts zu verhüllen, denn nur die volle Wahrheit ist im‐
stande, sich den Weg zu den tief leidenden, innerlich zerrissenen,
suchenden nationalen Massen Deutschlands zu bahnen. Die Kom‐
munistische Partei Deutschlands muß offen den nationalistischen klein‐
bürgerlichen Massen sagen: Wer im Dienste der Schieber, der Spe‐
kulanten, der Herren von Eisen und Kohle versuchen will, das
deutsche Volk zu versklaven, es in Abenteuer zu stürzen, der wird auf
den Widerstand der deutschen kommunistischen Arbeiter stoßen. Sie
werden auf Gewalt mit Gewalt antworten. Wer aus Unverständnis
sich mit den Söldlingen des Kapitals verbinden wird, den werden wir
mit allen Mitteln bekämpfen. Aber wir glauben,
            daß die große Mehrheit der national empfindenden
            Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in
                      das Lager der Arbeit gehört.
   Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen
und den Weg finden. Wir werden alles tun, daß Männer, wie
Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod
zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine
bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden, daß sie ihr heißes,
uneigennütziges Blut nicht verspritzen um die Profite der Kohlen‐
und Eisenbarone, sondern um die Sache des großen, arbeitenden
deutschen Volkes, das ein Glied ist in der Familie der um ihre Be‐
freiung kämpfenden Völker. Die Kommunistische Partei wird diese
Wahrheit den breitesten Massen des deutschen Volkes sagen, denn sie
ist nicht nur die Partei des Kampfes um ein Stückchen Brot,
              sie ist auch die Partei der Proletarier, die um ihre
              Befreiung kämpfen, um die Befreiung, die identisch ist
              mit der Freiheit ihres gesamten Volkes, mit der Freiheit
                  all dessen, was arbeitet und leidet in Deutschland.
   Schlageter kann nicht mehr diese Wahrheit vernehmen. Wir
sind sicher, daß Hunderte Schlageter sie vernehmen und sie verstehen
werden. . . (Allgemeiner Beifall der Erweierten [sic!] Exekutive.)

Stadtarchiv Solingen
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Stadtarchiv Solingen (28. Juni 2023). 28. Juni 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/aewc


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