3. März 1923

Quelle: Stadtarchiv Troisdorf, Pressesammlung: Siegburger Kreisblatt vom 3. März 1923

Eine überlegte Vorratswirtschaft wird bevorzugt- jedoch keine Hamsterei.

          Das Problem der Vorratswirtschaft.

  Nicht nur der Einmarsch der Franzosen in das
Ruhrgebiet sondern auch die auf lange Zeit hinaus mit
den schwersten Hindernissen belastete wirtschaftliche Lage
Deutschlands müssen jeden Unternehmer, Fabrikanten,
Kaufmann, Landwirt und Gewerbetreibenden in Deutsch-
land dazu zwingen, eine wohlüberlegte Vorratswirt-
schaft einzuführen. Diese Vorratswirtschaft darf nicht
mit der habgierigen Hamsterei verwechselt werden,
denn eine solche muß verdammt und als Wucher auch
behandelt werden. Die Vorratswirtschaft soll sich nur
mit der Versorgung derjenigen Stoffe und Waren, In-
strumente und Maschinen versorgen, mit welchen man die
laufenden wirtschaftlichen Aufgaben erledigen kann, ohne
daß ganze Betriebe erschüttert werden. Man darf daher
bei der Vorratswirtschaft nicht etwa den Grundsatz

der Kriegswirtschaft anwenden und die betreffende Ware
in ihrer Gesamtheit erfassen wollen, sondern es genügt,
daß ein gewisser Prozentsatz zur Sicherstellung einer
Mindestmenge angeschafft oder auch bei schon vorhen-
denem Lager zurückgestellt wird. Es kommt dabei in
Betracht, daß Lagerbestände an Rohstoffen, Fabrikaten,
Kohlen-Petroleum usw., wie sie früher in normalen
Zeiten als Reserven in fast allen Betrieben bestanden,
jetzt fast garnicht mehr in einer genügenden Weise vor-
handen sind. Zugegeben kann ja werden, daß die
deutsche Großindustrie sich im Hinblick auf die gefähr-
liche Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse
Deutschlands mit Rohstoffen, Kohlen und Eisen viel-
fach eingedeckt hat. Die Anwendung dieser Vorsichts-
maßregeln ist aber keineswegs bei der Mehrheit der
deutschen Betriebe erfolgt. Es läßt auch sich leicht
feststellen, daß die Ursache für die nicht angewendete An-
schaffung von Vorräten meistens an Mangel an Ka-
pital gescheitert ist. Jetzt sieht man aber wohl über-
all ein, daß es für jede erübrigte Geldsumme keine
bessere Anlage als der Ankauf notwendiger Waren,
also eine Vorratswirtschaft gibt. Bei der großen Be-
deutung der Vorratswirtschaft für das ganze Wirt-
schaftsleben und gegenüber der Gefahr des wucheri-
schen Hamsterns liegt übrigens auch der Gedanke nahe,
daß die Vorratswirtschaft eine gesetzliche Regelung er-
halten müßte. Der erste Schritt dazu wäre wohl eine
mit großer Strenge durchzuführende allgemeine Be-
standsaufnahme aller Warenvorräte, Maschinen usw.,
und danach könnte man die weiteren wirtschaftlichen
Maßregeln auch gesetzlich begrenzen. Es wäre zu wün-
schen, daß die Handelskammern, die Gewerbekammern
und die landwirtschaftlichen Kammern sich mit der Lö-
sung des Problems der Vorratswirtschaft beschäftigten,
um auf diese Weise der Regierung und der Volksver-
tretung die nötigen Unterlagen zu beschaffen.

Stadtarchiv Troisdorf
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Stadtarchiv Troisdorf (3. März 2023). 3. März 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 18. August 2026 von https://doi.org/10.58079/aeri


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