Quelle: Stadtarchiv Solingen, Bergische Arbeiterstimme 8. März 1923
Die erschütternde Geschichte eines jungen Paares aus Merscheid
Schande über Schande!
Wir sind es unserem Empfinden und proletarischen Pflicht-
bewußtsein schuldig, die heutige Gesellschaft einfach so zu be-
zeichnen, was sie ist. Nämlich eine Schandgesellschaft!
Das ganze heutige System ist überreif zum Sturz, wie aus
den alltäglich auf das Proletariat eindringenden Wider-
wärtigkeiten auf allen Gebieten hervorgeht. Im besonderen
sind es die hundserbärmlichen Wohnungsver-
hältnisse in ganz Deutschland, die direkt zum Himmel
schreien.
So geht uns heute wieder aus dem benachbarten Mer-
scheid nachstehendes Schreiben zu:
„Kampiert in Merscheid auf der Dahlerfeldstraße in einem
unbewohnbaren, dem Peter Drache gehörigen Hause ein
junges Ehepaar. In dem Untergeschoß sind keine Wände,
sondern nur noch Pfosten vorhanden. Da dieser Raum also
nicht mehr für Tiere genügt, hat sich das Ehepaar auf der so-
genannten „1. Etage“ einquartiert. Da aber auch die Treppe
zu dieser 1. Etage fehlt, hat der Mann senkrecht unter dem
Loch, wo die Treppe früher hinführte, einen Haufen Dreck an-
geschüttet. Dieser Dreckhaufen wird bestiegen, und mit Hilfe
eines Weidedrahtes, der in dem oberen Stockwerk befestigt ist
und durch dieses Treppenloch führt, wird in die Behausung ge-
klettert. An Einrichtungsgegenständen, die außerdem von
mitleidigen Nachbarn noch geliehen sind, sind vorhanden: Eine
Bettstelle, mit Stroh ausgefüllt, ein Stuhl und ein zerfallener
Kachelofen. In dieser vorsintflutlichen Behausung sah nun die
junge Ehefrau einem
„freudigen Ereignis“
entgegen, welches am Samstag, den 24. Februar, erfolgte.
Der herbeigeholten Hebamme von Merscheid war es unmög-
lich, durch Klimmzüge an dem Seil in die Höhe zu kommen,
es mußte erst eine Leiter beschafft werden, mittels dieser sie
erst an Ort und Stelle gelangen konnte.
Keine Bettwäsche, keine Kinderwäsche,
noch nicht einmal ein Waschbecken war
vorhanden!
Die Frau lag in dem geliehenen Bette auf Stroh, mit
einem alten Ueberzieher zugedeckt, und dachte wahrscheinlich
über die herrlichen Zeiten nach, in die uns der Held von
Amerongen geführt hat. Eine Ueberweisung ins Krankenhaus
war nicht mehr möglich. Der angekommene kleine Erden-
bürger hat zum Glück die grauenerregenden Zustände nicht
mitmachen brauchen, sondern kam tot zur Welt. Geld für
ein Begräbnis war nicht da, und da konnte man am Mitt-
woch, den 28. Februar, etwas bis jetzt noch nicht Dagewesenes
sehen. Der Ehemann kam,
die Leiche in ein Margarinekistchen
gepackt,
zum evangelischen Friedhof in Merscheid, wo sie dann ein-
gebuddelt wurde. Ich komme nun zum Schlusse dieses
Dramas. Zum besseren Verständnis möchte ich aber noch be-
merken, der junge Mann ist geistig nicht ganz normal und in
den Verhältnissen, wie hier geschildert, groß geworden. Der
Vater ein Trinker, die Mutter dauernd Nebenbuhlerin, kurz
und gut, eine derjenigen verpesteten Atmosphären, wie man
sie in der Großstadt so häufig findet. Die junge Frau eine
Waise, die wahrscheinlich nach vielen Irrfahrten in dieser
Atmosphäre landete.“
Wem überkommt beim Lesen dieser Zeilen nicht ein tiefer
Ingrimm gegen die Sippschaft, die solche Zustände herauf-
beschwor?! Ist es da nicht die allerhöchste Zeit, daß mit
dem verfluchten üppigen Kapitalistengesindel aufgeräumt
wird? Wirklich, es ist das Maß voll — übervoll!
Arbeiter, steht zusammen im Kampfe
um eure heiligsten Menschenrechte!
Nehmt endlich die Abrechnung vor
mit den kapitalistischen Volksbetrügern!
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Solingen (8. März 2023). 8. März 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/aeft
