Quelle: Stadtarchiv Solingen, Solinger Tageblatt 2. Juni 1923
Sind die Siegermächte des Ersten Weltkriegs gegen Deutschlands wirtschaftliche Genesung?
Katastrophenstimmung.
Wieder zeigt das Devisenbarometer auf Sturm. Ueberall
Preiserhöhungen, wohin man blickt. Das Brot der Wirtschaft,
die Kohle, wird für weite Erwerbs- und Privatkreise immer
schwerer erschwinglich und auch das tatsächliche tägliche Brot
von Woche zu Woche teurer. Naturgemäß folgen, wenn auch
nicht in gleich schnellem Tempo die Löhne nach, Fracht- und
Tariferhöhungen erhitzen noch mehr die ewige Schraube. Es ist
begreiflich, wenn in diesen Tagen die Sorge um die Zukunft
alle noch mehr bewegt als schon in den letzten Monaten, und
insbesondere der schon schwer heimgesuchte Mittelstand mit Ein-
schluß der geistigen Arbeiter sich vor dem Abgrund der Proleta-
risierung sieht, aus dem die Arbeiterschaft gewissermaßen als
neuer Mittelstand emporsteigt.
Die außenpolitische Lage, die in erster Linie für das innere,
dadurch die Neigung unruhiger Elemente zu sinnlosen Krawal-
len noch verschärfte Elend verantwortlich ist, hat sich seit der
Pfingstzeit noch weiter verdüstert. Blickt man nur auf Frank-
reich hin, dann könnte man wahrlich jede Hoffnung verlieren.
Die fortgesetzte absichtliche Zuspitzung des Ruhrkonflikts durch
die Pariser Chauvinisten, die ostentativen Massenausweisungen
von Beamten und Wirtschaftsleitern, die z. B. in diesen Tagen
eine der berühmtesten und leistungsfähigsten Fabriken der Welt,
die Höchster Farbwerke, durch Vertreibung fast aller leitenden
Persönlichkeiten brach legen, und viele andere Anzeichen be-
weisen, daß Poincare und seine Hintermänner bewußt auf das
Chaos hinarbeiten, daß sie nicht Reparationen und somit keine
Verständigung, sondern nur die völlige Ohnmacht Deutschlands
und ihre eigene, Europa niederhaltende Hegemonie wollen. Aber
gerade in so erregten Zeiten muß man sich vor Uebertreibungen
ebenso wie vor unfruchtbarer Apathie hüten. Wohl ist unsere
Wirtschaft schwer erkrankt; das Defizit des Reichshaushalts und
das wilde Anschwellen der Notenflut sind nur Symptome dafür.
Aber wir dürfen nie den Glauben an die Heilkraft verlieren, die
dennoch und dennoch in unserer unermüdlichen Arbeitsfähigkeit,
in unserem wissenschaftlichen und technischen Können liegt und
die sich sofort geltend machen wird, wenn nur die zerstörenden
Gewalten, die auf unser Volk einstürmen, zum Halten gebracht
werden. Dazu aber ist nicht jede Aussicht geschwunden. Wir
sehen im Gegenteil, daß auch die Bundesgenossen Frankreichs
mit immer wachsender Besorgnis seinem Berserkertum gegenüber
stehen und auf Mittel sinnen, es einigermaßen im Zaume zu
halten. Von den belgischen Bemühungen, die in einem dem
französischen Zahlenwahnsinn noch weit entgegenkommenden
Plan ihren Ausdruck finden, war wiederholt die Rede. Aber
auch in England nimmt man die Aufgabe sehr ernst, endlich an
die Stelle der Wertverwüstung und Seelenvergiftung ein posi-
tives Programm zu setzen. Zwar mag es bedenklich stimmen, daß
neuerdings der Eintritt Mac Kennas, dieses besonnenen Repara-
tionspolitikers in das britische Kabinett wieder in Frage gestellt
ist. Der Widerstand der Tories gegen die Aufnahme des li-
beralisierenden Großbankiers in die Regierung ist die Kehrseite
des großen Erfolges Baldwins, dem es als nunmehr erklärten
Parteiführer gelang, alle Konservativen so ziemlich unter einen
Hut zu bringen. Sehr beachtenswert ist in diesem Zusammen-
hang, daß gerade die Rechtspresse und obenan die „Times“ die
Regierung zu einer aktiven und positiven Politik gegenüber
Frankreich drängen. Das genannte Blatt, das während des
Krieges sich im Deutschenhaß nicht genug tun konnte, forderte eine
vernünftige Festsetzung der deutschen Lasten durch ein interna-
tionales Tribunal und weist nicht ohne Hohn die französische
Schätzung der Kriegsschäden als doppelte Ueberschätzung zurück.
Somit hängt doch recht viel von der taktvollen und klugen Ab-
fassung der deutschen Ergänzungsnote ab, die nicht durch inner-
politische Kirchturmsrücksichten bestimmt werden darf. Dr. B.
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Stadtarchiv Solingen: RK (2. Juni 2023). 2. Juni 1923. 1923: Alltag in der Krise. Abgerufen am 17. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/aea1

